Wiesbaden – Wo einst der Kaiser kurte

Schon die Römer nutzten hier heiße Quellen, die sie nach früheren Siedlern benannten: Aquae Mattiacorum. Später kamen die Merowinger und mit ihnen der Stadtname: Wisabada. Und noch viel später diverse Kaiser, dazu Könige und Zaren: Wiesbaden wurde Weltkurstadt. Lange ist’s her – und doch nicht ganz vorbei.

Foto: Wiesbaden Marketing

Ein bisschen komisch ist es schon: Da liege ich nun in der Kaiser-Friedrich-Therme und räkele mich im warmen … Sand! Ehrlich gesagt, die meisten Besucher kommen ja wegen des warmen Wassers hierher. Und dem legendären Ambiente.

Schon als die Therme 1913 eröffnete, war die Begeisterung für den Wellnesstempel mit seiner beeindruckenden Schwimmhalle groß. Im schönsten Jugendstil erbaut, war das nach dem Preußenkönig und 99-Tage-Kaiser Friedrich III. benannte Bad schnell in aller Munde – auch dank herrlich gekachelter Rundbögen und kunstvoller Mosaik-Fußböden, bunt verglasten Lichtdecken und luxuriösen Marmorbädern sowie detailreichen Wand- und stilvollen Deckenfresken. Man wollte nämlich sowohl mit heilsamen Kurmitteln als auch mit einer ästhetischen Raumgestaltung zum Wohlbefinden der Besucher beitragen. Kein Wunder, dass die Frankfurter Zeitung in höchsten Tönen schwärmte: „Mit diesem Musterbadehaus hat die Weltkurstadt Wiesbaden der ganzen heilsuchenden Menschheit ein wertvolles Geschenk gemacht.“

Wohlige Wasser und warmer Sand

Stimmt! Das Wasser ist wohltuend und kommt wie eh und je aus der Adlerquelle, Wiesbadens zweitgrößter Thermalquelle, die mit konstanten knapp 65 Grad Celsius eifrig vor sich hin sprudelt. Und das denkmalgeschützte römisch-irische Bad, das die durchblutungsfördernde Wirkung des Wechselbades der Römer einerseits mit der von den Iren bevorzugten kreislaufschonenden Steigerung der Schwitztemperaturen andererseits kombiniert, ist in der Tat eine wahre Augenweide. Vor allem, seitdem es Ende der 1990er Jahr aufwendig restauriert und um zeitgemäß-gesunde Extras ergänzt wurde. In einem solchen liege ich nun – und lasse soeben die Sonne aufgehen.

Eine gute halbe Stunde wird sie über mir ihre künstliche Tagesreise antreten, um dann wieder unterzugehen und mich noch eine kleine Weile in einem angenehm nachwärmenden Halbdunkel zurückzulassen. Bereits die alten Römer wussten übrigens, dass man mit Sand rheumatische Beschwerden oder auch Ischialgien, Stoffwechsel- und Durchblutungsstörungen lindern konnte. Die aalten sich freilich in echten Sonnen-Gefilden, in ihrer Heimat zum Beispiel, wo man das noch heute tun kann, etwa auf Ischia.

Ich hätte jedenfalls nicht gedacht, dass die sonnige Wärme des Sandes so tief in mich eindringt – fast meine ich, mehr noch wie vorhin die feuchte Wärme der Therme. Oder macht‘s die Kombination? Ich merke, wie meine Muskeln sich lockern. Herrlich. Eine Wohltat für meinen Rücken. Irgendwann dusele ich dann unter dem im Zeitraffer dahin eilenden Licht leicht ein, wohl auch den meditativen Klängen geschuldet.

Aber meine ich es nur oder macht mich dieser Hauch von Wüstenfeeling durstig? Und warum kommt mir grad jetzt der Gedanke, dass Wiesbaden zwar reich an warmem, jedoch salzigem Thermal-, zugleich aber arm an eigenem Trinkwasser ist? Der Marktbrunnen vor dem Rathaus am Schlossplatz zeugt davon. Seit dem Mittelalter endete hier jahrhundertelang eine von weit außerhalb kommende, ziemlich reparaturanfällige Wasser-leitung.

Von der Weltkur- zur Gesundheitsstadt

Nun, das Trinkwasser-Problem hat die Stadt längst im Griff – nicht nur an der Quellenbar der Kaiser-Friedrich-Therme, wo man zwischen Saunagängen und Schwimmzügen, Wechselduschen und Wellness-Treat-
ments einen kühlen Schluck nehmen kann. Auch den Niedergang als Weltkurstadt hat man inzwischen (fast) verschmerzt. Von ihren (architektonischen) Spuren profitiert man bis heute, an der eleganten Wilhelmstraße etwa, in den Villenvierteln, am Neroberg mit seiner (wie könnte es anders sein) per Wasserballast angetriebenen Bergbahn oder auch im prachtvollen Konzert-Saal des Kurhauses. Und überhaupt: Als Gesundheitsstadt hat sich Wiesbaden längst wieder einen neuen internatio-
nalen Ruf erarbeitet, der von den alten Quellen profitiert, aber eben mit modernen Kompetenzen überzeugt. Aber das ist eine andere Geschichte …

Ich rappele mich jetzt lieber aus dem Sand auf und mache noch ein paar abkühlende Schwimmzüge in der großen Halle – mit Blick auf jenen Jugendstil-Fries, auf dem es übrigens ebenso textilfrei zugeht wie sonst hier im Bad.

ANGEKLICKT
Mehr zu den Quellen, Bädern und allen anderen touristischen Angeboten der hessischen Landeshauptstadt unter www.wiesbaden.de. Infos zur Kaiser-Friedrich-Therme gibt‘s direkt unter www.wiesbaden.de/kft.