Heilstollen: Frei atmen im Schoß der Erde

Foto: Jens Pommerenke

Man taucht ein in eine andere, fremde Welt. Umgeben von Wänden aus nacktem Gestein spürt man der Stille nach, der Geist kommt zur Ruhe und man gibt sich dem Rhythmus des Atmens hin. Bei klarer Luft ohne Schadstoffe, Schwebestaub, Keime oder Allergene können die Bronchien in den Heilstollen endlich aufatmen.

Der Mensch war zu allen Zeiten von Höhlen fasziniert. Vor Urzeiten schon boten sie ihm Schutz gegen die Unbilden des Wetters und waren sein erstes Heim. Dann fand der Mensch wertvolle Metalle in den Tiefen der Erde und erschloss sie, indem er selbst Stollen in den Fels grub. Die Geschichte des Bergbaus ist Tausende von Jahren alt, wobei die harte Arbeit im Gestein für die Bergleute riskant und ungesund war, bedenkt man den Staub und die ständige Einsturzgefahr. Paradoxerweise sind heute die einstigen Bergwerksstollen zu Quellen der Gesundheit geworden.

Vom Kriegsbunker zur Gesundheitshöhle

In Deutschland entdeckte man die segensreichen Wirkungen des Höhlenklimas zufällig und unter eher dramatischen Umständen. Die Kluterthöhle im sauerländischen Ennepetal bot der Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg Schutz vor den Bombenangriffen. Der unfreiwillige Aufenthalt im Höhlenbunker hatte zumindest positive Folgen für die Menschen, die unter Atemwegserkrankungen litten – ihnen ging es spürbar besser. Auch nach dem Ende des Krieges suchten sie die Höhle weiterhin auf. Der dort ansässige Arzt Dr. Spannagel erkannte die positiven Wirkungen der Höhlenbesuche und baute die Kluterthöhle zum ersten deutschen Therapiezentrum aus. Damit war die Heilstollen-Therapie – wissenschaftlich die Speläotherapie – begründet worden.

Die Kluterthöhle in Ennepetal ist sowohl in geologischer als auch historischer Hinsicht eine Besonderheit. Als natürliche Höhle entstand sie durch Auslaugung des Kalkgesteins und gab den Blick frei auf ein längst vergangenes Zeitalter der Erdgeschichte. Vor 385 Millionen Jahren brandete ein tropisches Meer an die Ufer des Kontinents. Später wurde der Meeresboden durch geologische Prozesse zu einem gewaltigen Gebirge aufgefaltet. Heute zeigen sich entlang der Höhlenwände die versteinerten Überreste der Lebewesen des einstigen Riffs, wie z.B. Schwämme, Muscheln und besonders schöne Korallen, die durch die LED-Beleuchtung in neuem Glanz erstrahlen. Mit 580 Gängen und einer Gesamtlänge von 5.800 Metern ist die Kluterthöhle Deutschlands größte Naturhöhle, es gilt auch als wahrscheinlich, dass sie schon in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen bewohnt wurde. Heute bietet sie Kurpatienten für eine jeweils zweistündige Therapiesitzung ein felsiges Dach über dem Kopf.
Warm angezogen und im Schlafsack ruht man im Liegestuhl. Gut eingepackt zu sein, ist wichtig, denn die Luft ist mit 10 Grad ziemlich kühl. Dafür ist sie außergewöhnlich rein – die wenigen von außen eindringenden Allergen- und Staubpartikel werden von Nebeltröpfchen gebunden und bleiben an den Felswänden und am Boden haften. Das kühle und schadstofffreie Mikroklima ist ein Segen für die Atemwege, denn obwohl die Luft eine hohe relative Luftfeuchtigkeit aufweist, ist sie für die Lungen sehr trocken. Bei der Erwärmung auf 37 Grad Körpertemperatur gewinnt die eingeatmete kalte Luft eine höhere Wasserbindungskapazität. Dieses Wasser entziehen die Lungen den Schleimhäuten, die Schleimhautschwellungen gehen dadurch zurück und die Atmung wird freier. Vor allem Menschen mit Asthma, chronischer Bronchitis, Heuschnupfen oder Keuchhusten tut die Höhlenluft gut. Daneben profitieren Patienten mit allergischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis von der extrem schadstoffarmen, entzündungshemmenden Luft. Und weil die Speläotherapie durch die Reizisolation in der schummrigen Höhle so beruhigend ist, wird sie auch zur Stressbewältigung, Entspannung und bei Schlafstörungen empfohlen.

Aalen – Bergwerksstadt an der Schwäbischen Alb

„Unter Tage“ der Gesundheit wegen geht es auch im „Tiefen Stollen“ bei Aalen-Wasseralfingen. Über 300 Jahre lang, von 1608 bis 1939, wurde hier Eisenerz abgebaut. Das unterirdische Labyrinth wuchs in dieser Zeit immer weiter bis auf sechs Kilometer. Heute stehen die interessantesten Stollen, Schächte und Gänge als Schaubergwerk und für Atemkuren offen. Mit der Grubenbahn fahren die Patienten 400 Meter weit ins Innere des Stollens ein. Auch für den Aalener „Tiefen Stollen“ gilt, dass die Inhalationstherapie bei Asthma, chronischer Bronchitis, Nebenhöhlenerkrankungen, Heuschnupfen oder Neurodermitis gute Dienste leistet. Im Rahmen von Wochenendangeboten zum Kennenlernen kann man bei den „Atmungs-Aktiv-Tagen“ oder „Erholen und Entspannen im Tiefen Stollen“ die heilsame Luft im Stollen schnuppern. Darüber hinaus werden spezielle Kinderkuren, z.B. bei Pseudo-Krupp, angeboten. Laut einer Medizinstudie der Universität Ulm ist die Heilstollen-Therapie bei Kindern besonders wirkungsvoll.

Doch auch über Tage ist Aalen eine Reise wert. Die mittelgroße Stadt liegt im Tal des noch jungen Kocher am Fuße der Schwäbischen Alb und lockt mit Sehenswürdigkeiten und viel Geschichte. In der beschaulichen Altstadt lässt es sich gut durch die Gässchen mit ihren Fachwerkhäusern bummeln. Dank der Lage Aalens am einstigen römischen Limes wartet das spannende Limes-Museum mit einer Reihe von Fundstücken auf, die das römische Leben entlang der Grenze dokumentieren. Zum antiken Leben gehörte auch das Baden in warmen Thermalquellen – an diese Tradition erinnern die Limes-Thermen. Die Limes-Thermen sind Anziehungspunkt weit über die Grenzen von Aalen hinaus, ein Thermal-Mineralbad in herrlicher Lage am sonnigen Hang der Ostalb. In römisch-antikem Ambiente findet der Erholungssuchende vier Innenbecken, ein Außenbecken mit jeweils 34 Grad Celsius warmem Mineralwasser, diverse Saunen und die physikalische Abteilung mit Krankengymnastik, Massagen und Bewegungstherapie. Vor allem das Angebot der physikalischen Abteilung stellt bei Atemwegsproblemen eine ideale Ergänzung zur Heilstollen-Therapie dar.

Foto: Teinachtal Touristik

Gute Luft im und unter dem Schwarzwald

Wenn man Gäste fragt, was das Bergwerksstädtchen Neubulach als Urlaubsort auszeichnet, fällt besonders oft die Antwort: die gute Luft. Neubulach liegt auf etwa 600 Meter Höhe zwischen den Tälern der Teinach, Nagold und Enz, mitten im Naturpark-Gebiet des Nördlichen Schwarzwaldes zwischen Nagold und Calw, auf einem sonnigen und nebelarmen Hochplateau. Sowohl über als auch unter Tage hat Neubulach gleich zwei Prädikate erhalten und ist Heilklimatischer Kurort und Ort mit Heilstollen-Kurbetrieb. Menschen mit Atemwegserkrankungen bekommt daher ein Aufenthalt in dem Schwarzwaldstädtchen besonders gut.

Der Hella-Glück-Stollen ist ein historisches Silberbergwerk, in welchem auch nach Kupfer und Azurit geschürft wurde. Erste Spuren des Bergbaus reichen zurück bis ins 13. Jahrhundert, mit langen zwischenzeitlichen Unterbrechungen dauerte der Bergwerksbetrieb bis 1945 an. Heute ist die Grube ein Besucherbergwerk und zugleich eine Asthma-Therapiestation. Im Sommer 2016 wurde der Neubulacher Heilstollen modernisiert, eine neue Wellnessbeleuchtung schafft eine Wohlfühlatmosphäre und lädt zum Entspannen ein. Die fein gefilterte und reine Luft im prädikatisierten Heilstollen wirkt heilend und wohltuend auf die Atemwege und das Bronchialsystem. Alle 15 Minuten wird die Luft im Heilstollen auf natürliche Weise komplett ausgetauscht, die Erde als natürlicher Filter befeuchtet die eindringende Luft. Seit Beginn der Therapiestation 1972 haben schon Tausende von Betroffenen eine Linderung ihrer Beschwerden erreichen können.

Neubulach im Nordschwarzwald hat sein Südschwarzwald-Pendant im Münstertal, das in der Nähe von Freiburg liegt. Die Grube Teufelsgrund ist ein ehemaliges Silber-, Kupfer- und Bleibergwerk, dessen Ursprünge bis ins Jahr 953 nachweisbar sind. Über tausend Jahre lang war das Bergwerk in Betrieb; in den Jahren vor der Schließung 1958 wurde Flussspat abgebaut, der zur Stahlproduktion benötigt wurde. Doch was macht man mit einer Grube, die nicht mehr wirtschaftlich genutzt wird? Schon 1970 wurde aus dem Teufelsgrund eines der ersten Besuchsbergwerke im Schwarzwald. Und da man schon damals um den Nutzen der kühlen, reinen Bergluft wusste, wurde schon bald darauf in einem Seitenstollen ein Asthma-Therapie-Stollen eingerichtet. Dieser ist von Anfang April bis Ende Oktober geöffnet, denn nur während dieser Periode herrscht „ausziehendes Wetter“: Dies bedeutet, dass der Luftstrom aus dem Bergesinneren nach außen drängt. Die Luft ist dann völlig frei von Pollen, Stäuben und Schwebstoffen. Ein Atemtherapeut hilft bei der Einweisung in die richtige Atemtechnik und bringt den Besuchern unterstützende atemgymnastische Übungen bei. Neben der anderthalbstündigen Therapiesitzung im Stollen wird ein mäßig intensives Bewegungstraining empfohlen. Dafür ist das Münstertal aber wie geschaffen. Als eines der schönsten Randtäler des Hochschwarzwalds erstreckt es sich von 380 bis hinauf auf 1414 Höhenmeter. Reizvolle Wanderwege säumen das weitverzweigte Tal und führen bis auf den Gipfel des Belchens, dem wohl eindrucksvollsten Aussichtsberg des Schwarzwalds. Von hier schweift der Blick bis zu den weißen Spitzen der Schweizer Alpen. Und das Labsal für die Lungenflügel findet man nicht nur in den Tiefen des Teufelsgrunds, sondern auch hier oben auf den weiten Gipfelwiesen: kühle, klare, saubere Bergluft.

Tipp:

Heilstollen in Deutschland
Seit 1990 gibt es den Deutschen Heilstollenverband, dem zehn Orte in ganz Deutschland angehören, diese sind Neubulach, Ennepetal, Bad Fredeburg, Münstertal, Bad Grund, Aalen, Schmiedefeld, Saalfeld, Pottenstein, Bodenmais und Steinbach/Sieg. Die Überwachung einheitlicher Qualitätskriterien sichert eine durchgängig hochwertige Therapiedurchführung und beste Patientenbetreuung. Die Luft wird in den Stollen regelmäßig durch den Deutschen Wetterdienst überprüft. Weitere Informationen: www.deutscherheilstollenverband.de.