Heilklima: Einmal tief durchatmen

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Wer Asthma, Heuschnupfen oder Hauterkrankungen hat, fährt gerne dahin, wo die Luft reiner und schadstoffärmer ist. Aber auch Normalreisende wählen immer öfter ihr Reiseziel nach dem Aspekt Reiz- oder Schonklima aus. Denn da, wo die Luft gut und die Landschaft reizvoll ist, fühlen sich auch Gesunde wohl.

Luftholen kann man doch immer und überall, meint man. Es ist aber doch ein Unterschied, ob man mitten in der Großstadt an einer Hauptverkehrsstraße wohnt oder in einem Dorf in den Bergen. Industrie und Autos pusten Stickoxide, flüchtige organische Verbindungen, Ruß und andere Partikel in die Luft – nicht jede Lunge verkraftet das gut. Hängt dann im Winterhalbjahr ein zäher Smog über der Stadt, bezahlen nicht wenige das Luftholen mit ständigen Hustenattacken. Luftschadstoffe tragen ihren Teil dazu bei, dass es in Deutschland immer mehr Fälle von Allergien, Asthma, chronischer Bronchitis und Herz-Kreislauf- Erkrankungen gibt. Wie ein Balsam wirken deshalb die anregenden Reize, die durch Sonne, Wind und Wetter und vor allem durch die klare Luft vermittelt werden.

In Deutschland widmen sich Heilklimatische Kurorte und Seebäder der Wiederherstellung der angegriffenen Gesundheit. Diese Kurorte findet man abseits von Industrieballungsgebieten, Großstädten oder schadstoffbelasteten Regionen, aber in durchaus sehr verschiedenen Klimazonen. „Das Heilklima“ gibt es nicht; es kommt ganz auf die individuellen Beschwerden an, welches Klima für wen am besten geeignet ist.

Wind, Wellen und salzige Luft

Dass Seeluft den Atemwegen gut tut und zur Erholung beiträgt, wusste man schon vor über 200 Jahren. Als erstes Seebad gilt Heiligendamm an der Ostsee, das im September 1793 seinen Kurbetrieb aufnahm. Schon wenige Jahrzehnte später waren aus einstigen Fischerdörfern entlang der Nord- und Ostseeküste eine Vielzahl von Badeorten entstanden, in denen die Bessergestellten der damaligen Gesellschaft ihre „Sommerfrische“ genossen. Der gesundheitsfördernde Effekt von Sonne, Wind, Meerwasser und salzhaltiger Gischt ist heute noch genauso wirkungsvoll wie damals, nur ist der Genuss inzwischen demokratischer geworden. Jeder – ob mit oder ohne bezuschusste Kur – kann heute an der Küste oder auf den Inseln Urlaub machen und die Gesundheit stärken.

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Für Menschen, die an Heuschnupfen, chronischer Bronchitis, Asthma oder Neurodermitis leiden, ist ein Aufenthalt am Meer ganz besonders erholsam, enthält doch die Seeluft so gut wie keine Allergene und sonstigen Schadstoffe, dafür aber salzige Schwebeteilchen in der Luft, die die Schleimhäute der Atemwege feucht halten, reinigen und Entzündungen hemmen. Auch Herz-Kreislauf-Patienten können vom gesunden Meeresklima profitieren. Die häufige „steife Brise“ und der Wellengang an der Nordsee und auf den friesischen Inseln üben einen starken Reiz aus, der die Durchblutung anregt. Kurmaßnahmen, die das Seeklima und die Kräfte des Meeres nutzen, werden als Thalasso-Therapie bezeichnet. Neben dem Bad in den Wellen und in der Sonne umfasst eine Thalasso-Kur eine Vielzahl weiterer Elemente wie Massagen, Packungen mit Algen und Schlick oder Wassergymnastik. Das Prädikat Seebad wird übrigens nur Ortschaften verliehen, in denen auch medizinische Einrichtungen zur Durchführung dieser Kurmaßnahmen vorhanden sind.

Wer Deutschlands größtes Thalasso-Zentrum besuchen will, muss mit der Fähre auf die ostfriesische Insel Norderney übersetzen. Hier hat man sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2020 will man Europas Thalasso-Insel Nummer eins werden. Seebad ist Norderney schon seit 1797. Auf der zweitgrößten unter den ostfriesischen Inseln setzt man ganz auf die Schätze des Meeres: auf frische Seeluft, kühlen Schlick, Sand, Salz und meergrüne Algen. Kreuz und quer über die Insel führen zehn ausgewiesene Thalasso-Kurwege, auf denen man beim Power-Walken zwischen Dünen, Deich und Strand eine gute Dosis der salzgesättigten Meeresbrise abbekommt. Ein buchstäbliches Highlight sind die Thalasso-Plattformen hoch über den Dünen, gemütlich sitzend kann man den Blick bis zum Leuchtturm und zum Meer schweifen lassen und das Norderneyer Wolkenkino gucken. Und das Element Meerwasser, das genießt man nicht nur beim Baden in den Nordseewellen, sondern auch etwas wärmer temperiert im „bade:haus norderney“, wo auch viele Thalasso-Anwendungen im Angebot stehen.

Klimavielfalt im Hochschwarzwald

Saubere Luft, angenehme Kühle, frischer Wind und intensive Sonnenbestrahlung – damit kann auch der Hochschwarzwald punkten. Das höchste deutsche Mittelgebirge ist bekannt für sein exzellentes Heilklima, das die Gesundheit fördert und Krankheiten entgegenwirkt. Zumal die Region noch etwas ganz Besonderes für ihre Gäste bereithält: Je nach Höhenlage treffen sie ein Schonklima oder ein leichtes Reizklima an. Letzteres herrscht in den höher gelegenen Gebieten des Schwarzwalds vor. Herausforderungen wie starker Wind, Temperaturschwankungen und eine hohe UV-Strahlung bringen das Immunsystem ordentlich in Schwung. Vor allem, wenn man sich dazu bewegt.

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Dank dieser Faktoren, die das Reizklima bestimmen, wird der Körper kräftig stimuliert und abgehärtet. Hinzu kommt eine bessere Durchblutung der Schleimhäute, was wiederum dem Immunsystem zugutekommt. Nicht zuletzt trägt auch die nächtliche Abkühlung, die einen tiefen, gesunden Schlaf ermöglicht, zur Erholung bei. All das bietet ein Aufenthalt im Hochschwarzwald. Und zwar zu jeder Jahreszeit. Damit man die vitalisierenden Klimaelemente optimal auf sich wirken lassen kann, haben die sechs staatlich anerkannten Heilklimatischen Kurorte Hinterzarten, Titisee, Schluchsee, Lenzkirch, Saig und St. Blasien ein Wegenetz mit 18 Höhenklimawanderwegen eingerichtet. Mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden geht es durch den stillen Tannenwald hinauf auf luftige Bergeshöhen, die den Wanderer mit grandiosen Ausblicken belohnen.

Genauso positiv wirkt sich auch das beruhigende Schonklima aus, das in tieferen Lagen des Schwarzwalds anzutreffen ist, denn der Waldreichtum ist Garant für ausgeglichene Luftfeuchtigkeit und Temperaturen. So wird der Körper weder durch Schadstoffe noch durch extreme Witterungsbedingungen belastet, das Atmen fällt leichter und der Körper kann sich voll und ganz auf die Regeneration einstellen. Das wohltuende Heilklima lässt den Alltagsstress vergessen. Hinzu kommen abwechslungsreiche Landschaften mit Bergen, Tälern und tiefblauen Seen. Und davon hat der Hochschwarzwald jede Menge zu bieten. Ganz egal, wie man sich bewegt, sei es beim Wandern oder Radeln, beim Skifahren oder Langlauf, das körperliche Training in gesunder Luft und reizvoller Umgebung macht einfach gute Laune, verbessert die Ausdauer und stärkt Herz und Kreislauf.

Freier atmen im Allgäu

Umgeben von den Allgäuer Alpen liegt Oberstdorf in einem Talkessel am südlichsten Punkt Deutschlands. Schon seit 1937 ist die Gemeinde ein Heilklimatischer Kurort, inzwischen darf man sich mit der Zertifizierung „Premium Class“ schmücken, die deutschlandweit nur noch 13 weitere Orte haben. Dieses Prädikat verdankt Oberstdorf dem gesundheitlich wertvollen Hochgebirgsklima auf drei unterschiedlichen Höhenzonen, der hervorragenden Luftqualität sowie seinen unberührten Naturlandschaften
– verteilt auf ein Gebiet zwischen 815 Höhenmetern im Ort und 2.224 Höhenmetern auf dem Hausberg Nebelhorn mit seinem traumhaften Ausblick auf über 400 Berggipfel. Doch gibt es noch vieles mehr, was das Wandern „in der guten Luft“ – hier im Grenzgebiet zu Österreich – attraktiv macht.

Denn Oberstdorf hat einzigartige Naturschauspiele zu bieten. Und Superlative: Im Rohrmoostal etwa steht mit St. Anna die älteste Holzkapelle Deutschlands, die höchstgelegene Sennalpe Deutschlands wiederum, die Schlappoldalpe auf 1.750 Metern, findet man am Oberstdorfer Fellhorn. Im Winter führt die längste Talabfahrt Deutschlands von dessen Gipfel über 7,5 Kilometer bis ins Tal, während das „Pfannhölzle“ ebendort auf 2.000 Metern Deutschlands höchste Nordic-Walking-Strecke ist. Und dann wäre da noch die Breitachklamm, die tiefste Felsenschlucht Mitteleuropas. Doch ob oben in der Höhe oder unten in der Klamm – immer schön durchatmen.
Denn die Heilklima-Luft ist hier ein stets verfügbarer allergen- und schadstoffarmer „Bio-Cocktail“, der schon das schlichte Luftholen zu einem wahren Gesundheitsprogramm macht. Für die Atemwege, die Haut, für Herz und Gefäße und nicht zuletzt für die gestresste Seele.

Tipp:

Durchatmen hat Tradition
Luftkurort oder auch „staatlich anerkannter Luftkurort“ ist eines der bekanntesten und verbreitetsten Kurort-Prädikate hierzulande. Gut zu wissen in Zeiten von Feinstaub und steigenden Allergiker-Zahlen. Abgeleitet ist die Bezeichnung von der Luft-, auch Freiluftkur, einer Form der Klimatherapie.

Ab dem 19. Jahrhundert war diese besonders bei Tuberkulose die Standardtherapie, vor allem das Höhenklima galt als besonders heilsam. Die Idee jedoch ist viel älter – schon in der Antike war bekannt, dass spezielle klimatische Bedingungen heilend wirken können. Und im Zeitalter der Aufklärung galten Luftbäder als probates Mittel zur Abhärtung. Mehr Fakten und Details findet man auf www.heilklima.de, dem Internetauftritt des Verbands der Heilklimatischen Kurorte Deutschlands e.V.. Wo und wie man eine Kur beantragen kann und was es zu beachten gilt, wird auf der der Website des Deutschen Heilbäderverbands (www.deutscher-heilbaederverband.de) erklärt.