„Tabu-Themen“: Nicht totschweigen, sondern darüber sprechen

Über viele medizinische Probleme sprechen die Betroffenen nur sehr ungern. Zu den klassischen Tabu-Krankheiten gehören unter anderem Hämorrhoiden, Blähungen, Inkontinenz, Mundgeruch, Pilzinfektionen Potenzstörungen oder sexuelle Unlust (Libidoverlust). Besonders bei Krankheiten, die die Harnwege oder den Verdauungstrakt betreffen, wie Harninkontinenz oder Blähungen, ist das Schamgefühl sehr groß. Dabei sind in der Regel mehr Menschen davon betroffen als vermutet ­ doch niemand redet darüber. Das gilt es zu ändern.

Typische Tabukrankheiten

Verdauung: Unter Verdauungsproblemen wie Durchfall, Verstopfung oder Blähungen leiden viele Menschen, diese Beschwerden sind aber dennoch ein Tabuthema.

Hämorrhoiden: Obwohl Hämorrhoiden zu den häufigsten Erkrankungen in den Industrienationen zählen, wird wenig über dieses verbreitete Problem gesprochen. Ohne Behandlung nehmen Juckreiz und Blutungen jedoch zu, und die Hämorrhoiden werden größer.

Harninkontinenz: Harninkontinenz (Blasenschwäche)  ist für die Betroffenen sehr unangenehm, und die persönliche Freiheit und Lebensqualität werden oft eingeschränkt. Durch die Erkrankung entsteht ein starker seelischer Druck, Depressionen und Rückzug aus gesellschaftlichem Leben. Dennoch scheuen sich viele Patienten, Hilfe zu suchen.

Potenzstörungen: Die erektile Dysfunktion (ED), auch als „Potenzstörung“ bezeichnet, gehört zu den häufigsten Sexualfunktionsstörungen überhaupt. Obwohl eine unbehandelte Erektionsstörung Vorbote einer beginnenden Erkrankung der Herzkranzgefäße sein kann, wird über dieses Thema meistens geschwiegen.

Sexuelle Unlust: Viele Frauen scheuen das Gespräch, obwohl Libidoverlust weiter verbreitet ist als viele vermuten. Man geht davon aus, dass etwa die Hälfte der Frauen zwischen 30 und 45 an mangelnder Lust auf Sex oder an gänzlichem Libidoverlust leiden. Oft werden das zunehmende Alter oder Beziehungsprobleme als Auslöser für die schwächer werdende Leidenschaft betrachtet.

Mundgeruch: Dabei handelt es sich um eines der schwierigsten Themen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch jeder kann etwas dagegen tun – warum also nicht darüber reden?

Hilfe zur Selbsthilfe

Nur ein Drittel spricht offen über diese oder andere angeblich heikle Erkrankungen; diese werden als persönlicher Makel empfunden. So wird das Problem zum heimlichen Leiden, und ein normales Leben ist kaum möglich.

Selbsthilfeorganisationen und engagierte Menschen arbeiten deshalb seit langem daran, Vorurteile bei bestimmten Erkrankungen aufzubrechen, denn in der Regel führt die dazugehörige Stigmatisierung auch dazu, dass Betroffene viel zu lange keine professionelle Hilfe aufsuchen und sich ihr Krankheitsverlauf dadurch verschlechtert und Komplikationen auftreten. Ziel ist es, das Tabu, das Erkrankungen wie z. B. Blasenschwäche nach wie vor umgibt, zu beseitigen.

Verständnis wecken

Durch die größere Bekanntheit der Erkrankung soll auch das Verständnis für die Ängste, Sorgen und Bedenken der Betroffenen verbessert werden. Viele Betroffene geraten durch die Krankheit und das Unverständnis der Mitmenschen in eine Selbstisolation. Mit Hilfe der Aktivitäten von Selbsthilfegruppen sollen diese Menschen wieder in die Allgemeinheit integriert und Wege aus der Isolation gefunden werden.

Die Menschen in den Selbsthilfegruppen wissen, wovon sie sprechen und haben gelernt, mit der Krankheit den Alltag zu meistern und damit zu leben. Diese Erfahrungen geben sie an andere Betroffene, deren Angehörige und Partner gerne weiter.

Häufig beginnt der offene und ehrliche Umgang mit heiklen Themen zunächst im vertrauten, geschützten Rahmen des Gruppengesprächs. Manche Menschen schöpfen dadurch so viel Mut, dass sie sich auch selbstverständlicher und mutiger im weiteren privaten, freundschaftlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Feld zeigen.

Nützliche Tipps erhalten

In Selbsthilfegruppen erhalten die Betroffenen zudem viele Informationen zu ihrer Erkrankung. Es werden Veranstaltungen organisiert sowie regelmäßige Treffen, in denen sich die Patienten austauschen. Wichtige Angaben zu niedergelassenen Spezialisten werden dabei ebenso weitergegeben wie weitere nützliche Tipps, zum Beispiel Literatur und Aktuelles zur Krankheit sowie neueste Forschungsberichte.

Selbsthilfe leistet also sowohl auf persönlicher, als auch auf gesellschaftlicher Ebene einen wesentlichen Beitrag zur Enttabuisierung ­ und vor allem erfahren die Betroffenen, dass sie mit ihrer Erkrankung nicht alleine sind.

Tipp aus der Apotheke

Es gibt absolut keinen Grund, sich bei vermeintlich „peinlichen“ Krankheiten zu schämen. Darüber sollte genauso offen gesprochen werden wie über eine Erkältung. Natürlich ist eine vertrauliche Atmosphäre beim Gespräch wichtig. So legen Mitarbeiter in der Apotheke größten Wert auf eine persönliche Beratung, und die Kunden fühlen sich hier gut aufgehoben. Und wer sich mit seinen Problemen angenommen fühlt, verbessert bereits damit seine Zufriedenheit. Die Einbeziehung in die gemeinsame Erarbeitung von Therapiemaßnahmen erhöht das Wohlbefinden und beeinflusst den Verlauf der Erkrankung damit positiv.

Betroffene sollten deshalb nicht zögern, Expertenrat zu suchen, denn Hilfe ist in den meisten Fällen möglich.