Sport schadet – Vorurteile und was wirklich dahinter steckt

Fitness-Muffel zitieren gern den englischen Premierminister Winston Churchill, wenn es darum geht, ihre sportliche Inaktivität zu begründen. „No Sports“ soll der greise Politiker auf die Frage nach dem Grund für seinen guten Gesundheitszustand geantwortet haben. Ob das Zitat wirklich von Churchill stammt, ist mehr als zweifelhaft. Der Premierminister war tatsächlich in jungen Jahren ein vielseitiger Sportler. Auch sonst gibt es rund um den Sport eine Vielzahl weit verbreiteter Missverständnisse und
Vorurteile. Was stimmt, was ist falsch?

Leistungssportler berichten gern über ihre High-Erlebnisse, die sich jedes Mal einstellen, wenn sie an ihre Grenzen gehen. Für sie ist es ein ungeheures Glücksgefühl, den Körper in seiner maximalen Leistungskraft zu spüren, selbst wenn es bis an die Schmerzgrenze oder sogar darüber hinausgeht. Für Sportmuffel ist genau das hingegen vollkommen unverständlich. Was soll so toll daran sein, wenn das Herz bis zum Hals klopft, wenn die Puste wegbleibt, wenn die Muskeln wehtun und wenn das Shirt klatschnass geschwitzt ist? Das kann doch nicht gesund sein, oder? Die Beurteilung der Anstrengung als angenehm und als unangenehm trennt die Sportler von den Nichtsportlern. Menschen, die den Pfad vom Sportmuffel zum Freizeitsportler beschritten haben, wissen aber: Genau dieses Gefühl kann sich auch wandeln, je mehr der Körper in Bewegung kommt. Die Anstrengung fällt zunehmend leichter, wird alltäglicher und verliert dadurch ihren abschreckenden Charakter. Irgendwann merken sie dann: Ja, es macht tatsächlich Spaß. Und was sie ebenfalls spüren: Der Körper fühlt sich danach besser an als vorher – ein deutliches Zeichen für die Gesundheitswirkung!

Vorurteile sind voreilige Urteile

Wer schon Jahre oder Jahrzehnte inaktiv war, sagt sich irgendwann: Ich bin zu alt, um mit Sport anzufangen. Doch das stimmt nicht. Man kann zu jeder Zeit beginnen, nur vielleicht auf einem anderen Level als ein junger Mensch. Sport ist immer noch das beste Mittel, um im Alter fit zu bleiben. Wichtig ist aber ein ärztlicher Checkup vor Aufnahme des Trainings und die Wahl der richtigen Sportart: Mit Ausdauertraining wie Radfahren, Nordic Walking, Joggen oder mäßig dosiertem Krafttraining lassen sich der altersbedingte Abbau der Muskelkraft und die Zunahme des Fettgewebes verhindern.

Gelegentlich hört man das Argument „Das bisschen Walking bringt doch nichts“. Falsch! Für den Anfang kann Nordic Walking genau richtig sein. Es
verbraucht zwar nicht so viele Kalorien wie Joggen, aber der gesundheitliche Vorteil ist laut diverser Studien beim Walking größer. Die Walker hatten im Vergleich zu den Joggern sogar mehr Gewichtsabnahme und eine bessere Senkung der Cholesterinwerte. Außerdem belastet Joggen die Gelenke stärker. Walken steigert die Leistung des Herzens sogar stärker als Laufen.

Sport macht müde und kaputt, sagen manche, die lieber erst gar nicht damit anfangen möchten. Doch müde und kaputt ist man allenfalls in den ersten
Momenten nach der körperlichen Anstrengung. Danach spürt man die nachhaltige Wirkung, denn die angekurbelte Durchblutung macht den Körper fitter. Mehr Sauerstoff erreicht auch das Gehirn, dadurch verbessert Ausdauersport die Konzentrationsfähigkeit und erhöht die Denkleistung. Sportler bleiben länger wach, schlafen aber besser. Im Alter nimmt die Leistungsfähigkeit bei Sportlern und Sportlerinnen umso langsamer ab,
je aktiver die Personen sind.

Nur viel hilft viel! Auch das ist nicht wahr. Zwar ist es sinnvoll, sich regelmäßig sportlich zu bewegen, aber man muss es keineswegs so weit treiben, dass man jedes Mal einen Muskelkater bekommt. Der Muskelkater ist nicht das Gütezeichen für ein wirksames Training, sondern er entsteht
durch Mikroverletzungen der Muskelfasern und manchmal auch infolge der Übersäuerung der Muskeln. Schmerzen zeigen, dass man seinen Muskeln zu viel zugemutet hat.

Es ist auch nicht zutreffend, dass man jeden Tag Sport treiben muss. Freizeitsportler dürfen und sollen ruhig pausieren, um sich zwischendurch zu erholen. Ideal wäre es, alle zwei bis drei Tage Sport zu machen. Anfängern genügt ein eher leichtes Training von etwa 30 Minuten Dauer – das entspricht einem Puls von 100 bis 120.

Ausdauertraining mag ja gut sein, aber was soll ich mit Hanteln oder mit Liegestützen? Krafttraining ist doch nur etwas für Bodybuilder. Auch das ist ein Vorurteil. Laut Sportwissenschaftlern ist eine Kombination von Ausdauersport und Krafttraining ideal. Denn Krafttraining verbraucht ebenso viele Kalorien wie Radfahren, Schwimmen oder Tennis; außerdem beugt es Diabetes und der altersbedingten Abnahme der Muskelmasse vor.

„Jetzt habe ich ein halbes Jahr lang Sport getrieben, aber dauerhaft abgenommen habe ich nicht“, klagen viele Übergewichtige frustriert. Daraus folgern sie: Sport macht hungrig, aber nicht schlank. Natürlich unterstützt Sport die Gewichtsreduktion nur, solange man dabei bleibt. Wer nach einem halben Jahr abrupt aufhört, wird selbstverständlich auch wieder zunehmen. Fakt ist aber, dass übergewichtige Menschen, die sich körperlich intensiv belasten, hinterher weniger Appetit haben als sonst. Wer Gewichtsverlust anstrebt, sollte in sein Ausdauerprogramm kurze Spurts
oder Leistungsspitzen einbauen. Amerikanische Sportmediziner fanden heraus, dass Sportler bei solchem Training in der gleichen Zeit neunmal so viel Übergewicht abbauten wie normal trainierende Sportler. Wer Sport treibt, darf auch essen, er sollte nur darauf achten was: Richtig ist es, die
Glykogenspeicher in Muskeln und Leber nach ein bis zwei Stunden Sport mit Kohlenhydraten aufzufüllen. Am besten mit „Mehrfachzuckern“ aus Bananen, Brot oder Kartoffeln. Einfachzucker aus Süßigkeiten führt dagegen zu plötzlicher starker Insulinausschüttung und Leistungsabfall. Ein weiterer Vorzug des Sports: Wer Muskeln aufgebaut hat und diese pflegt, darf gern auch mal richtig schlemmen. Muskeln verbrauchen auch im „Leerlauf“ so viel Energie, dass die Kalorien nicht im Bauch- oder Hüftfett geparkt werden.