Ein gesundes Leben hält das Herz flexibel

Die Herzratenvariabilität beschreibt die Fähigkeit des Herzens, die Abstände zwischen den Herzschlägen je nach Anforderung anzupassen. Bei Belastung reagiert es mit einer schnellen und gleichmäßigen Herzfrequenz. In Ruhe schlägt ein gesundes Herz hingegen langsamer und variabel. Die Intervalle zwischen den einzelnen Herzschlägen können dann mal länger und mal kürzer als 1000 Millisekunden ausfallen. Die Herzratenvariabilität verändert sich im Laufe des Lebens. Neben den Auswirkungen, die das Alter mit sich bringt, haben die Lebensgewohnheiten einen großen Einfluss auf die Werte des Herzschlags.

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Das Lebensalter hat wohl die größten Auswirkungen auf das variable Schlagen des Herzens. Mit den Jahren lässt die Fähigkeit des Herzens zur Anpassung zunehmend nach. Ein Rentner wird kaum bessere Herzratenvariabilitätswerte vorweisen können als ein Teenager, egal wie fit und entspannt er auch ist. In Studien wurde festgestellt, dass die Werte ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich abnehmen.

Aufhalten lässt sich dieser Prozess leider nicht, nur durch eine gesunde Lebensweise verlangsamen. Diese Tatsache ist für jeden eine große Chance, dem Alter ein Schnippchen zu schlagen. Denn mit guten Herzratenvariabilitätswerten lässt sich gleichzeitig das biologische Alter senken. Mit der Messung kann wesentlich genauer gezeigt werden, wie alt und leistungsfähig jemand ist, als mit einer Befragung zum Lebensstil. Wie groß der Einfluss des Lebensstils ist, zeigen zahlreiche Studien. Alkohol sowie die Folgen von Nikotin, Bewegungsmangel, schlechtem Schlaf und chronischem Stress wirken sich unmittelbar auf die Tätigkeit des vegetativen Nervensystems aus. Es kommt zu einem Ungleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus, den beiden Strängen des vegetativen Nervensystems. Wird dies nicht ausgeglichen, kann es langfristig sogar zu einer Erschöpfung beider Nervensysteme kommen.

Der Herzschlag zeigt negative Einflüsse auf

Stress in jeglicher Form beeinflusst das vegetative Nervensystem sehr stark. Je länger der Stress andauert, umso mehr verschlechtern sich die Herzratenvariabilitäts-Werte. Eine hohe Sympathikus- Aktivität zeigt sich bei akutem Stress. Hält er länger an und entwickelt er sich zum chronischen Dauerstress, beginnt die Leistungsfähigkeit des Sympathikus zu schwinden. Die Ausschüttung der Aktivierungshormone, wie zum Beispiel Kortisol und Adrenalin, erschöpft sich. Die Reaktionsfähigkeit des gesamten vegetativen Nervensystems wird durch die anhaltende Belastung gehemmt. Niedrige Herzratenvariabilitäts-Werte sowohl im Einflussbereich des Sympathikus als auch des Parasympathikus sind die Folge.

Zu niedrigen Werten und einer Reduzierung der Gesamtaktivität des vegetativen Nervensystems kommt es auch bei Gewichtsveränderungen. Übergewicht schlägt sich negativ in den Messwerten nieder. Mit steigendem Gewicht kommt es zu einer Schwächung der Leistungsfähigkeit. Auf Belastungen kann das vegetative Nervensystem immer schlechter reagieren. Schnell sind die Organe und das ganze Stoffwechselsystem von der Einschränkung betroffen. Eine Überlastungssituation tritt ein, die letztendlich zu einer Diabetes Erkrankung führen kann.

Schlechter Lebensstil hinterlässt Spuren

Aufzeichnungen der Herzratenvariabilität zeigen, wie groß das Ausmaß auch bei Alkohol und Nikotin ist. Bereits eine einzige Zigarette ist in der Lage, den Parasympathikus über eine halbe Stunde bei seinem Tun zu hemmen. Durch den Glimmstängel verschiebt sich das gesunde Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung zu Ungunsten der Erholungsfähigkeit. Generell wurde bei Rauchern ein deutlich niedrigeres Aktivitätsniveau von Sympathikus und Parasympathikus festgestellt −was auf eine komplette Beeinträchtigung des vegetativen Nervensystems hinweist. Durch eine Raucherentwöhnung lassen sich die Werte hingegen wieder deutlich verbessern.

Ähnlich sieht es bei Alkohol aus. Schon mäßiger Konsum hemmt das vegetative Nervensystem bei seiner Arbeit. Vor allem der für die Erholung zuständige Anteil, der Parasympathikus, wird negativ beeinträchtigt. Die Situation lässt sich mit dem Griff zur Zigarette vergleichen. Alkohol und Nikotin gaukeln zwar Entspannung vor, taugen aber nicht wirklich dazu. Im Gegenteil, sie hemmen und verhindern den Einstieg in das Erholungsprogramm des Körpers. Sie belasten ihn und bringen ihn um seine Chance, neue Kräfte zu sammeln. Viele Medikamente verändern die Tätigkeit des Herzens. Sie können die Herzfrequenz beschleunigen oder verlangsamen. Die Herzratenvariabilität wird von einigen Mitteln noch zusätzlich erhöht oder gesenkt. Medikamente, die bei Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Herzmuskelschwäche oder nach einem Herzinfarkt eingesetzt werden, wie beispielweise ACE-Hemmer, Alpha- und Betablocker, Diuretika oder Präparate mit Digitalis, verändern teilweise die Geschwindigkeit und die Variabilität des Herzschlags. Aber auch bei Schilddrüsenpräparaten und Antidepressiva kommt es zu Auswirkungen. Genaue Vorhersagen über die Einflussnahme lassen sich anhand der Mittelgruppen nur schwer treffen, da dies oftmals von den einzelnen Präparaten abhängt. Auch lassen sich keine Rückschlüsse von der Herzfrequenz auf Veränderungen der Herzratenvariabilität ziehen.

Vorübergehend schlechte Ergebnisse können verschiedene Ursachen haben. Bei regelmäßiger Messung können sinkende Herzratenvariabilitäts-Werte ein Hinweis auf eine beginnende Infektion sein. Aber auch eine unzureichende Regeneration des Körpers nach Überlastungen führt zu einer Verschlechterung der Ergebnisse. Wird beispielsweise ein sportliches Training übertrieben, sind es nicht nur die Muskeln und Gelenke, die darunter leiden, sondern auch das vegetative Nervensystem.

Zu einer kurzfristigen Veränderung der Herzratenvariabilität kommt es auch durch ungewohnte klimatische Verhältnisse wie beispielsweise eine extreme Luftfeuchtigkeit, ganz hohe oder sehr niedrige Temperaturen. Aber auch ein Aufenthalt in großer Höhe ist eine Herausforderung für das vegetative Nervensystem. Durch die Erhöhung des Pulsschlags kommt es gleichzeitig zu einer Abnahme der Herzratenvariabilität, weil der Parasympathikus nur sehr schwer während dieser Bedingungen zum Zuge kommen kann.

Die Herzratenvariabilität lässt sich positiv und negativ beeinflussen. Mit einer Messung lässt sich anschaulich zeigen, welchen Einfluss Lebensgewohnheiten auf das vegetative Nervensystem haben.

Tipp

Der HRV-Geschlechtervergleich

Die Geschlechter ticken laut den Herzratenvariabilitäts-Messungen recht ähnlich. Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind nicht groß, aber zur allgemeinen Überraschung altersabhängig. Junge Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren haben gleichaltrigen Männern gegenüber einen schwächeren Parasympathikus. Scheinbar können Männer in diesem Alter viel besser entspannen. Vor allem in den Abend- und Nachtstunden tun sie dies Studien zufolge. Der kleine Unterschied könnte so gedeutet werden, dass die Natur dies so eingerichtet hat, um den Frauen für die Mutterschaft einen Vorteil zu verschaffen. Denn in der Altersgruppe der 40-Jährigen dreht sich das Verhältnis wieder um. Mit zunehmendem  Alter heben sich dann die Unterschiede bei der Entspannungs- und Erholungsfähigkeit zwischen den Geschlechtern dann ganz auf.

Altersangabe per Herzschlag

Das biologische Alter kann mit einer Herzratenvariabilität-Messung sehr gut bestimmt werden. Es lassen sich oft viel genauere Ergebnisse erzielen als mit herkömmlichen Berechnungen. Denn die Werte spiegeln die Reaktionsfähigkeit des vegetativen Nervensystems wider und geben damit Aufschluss, wie gut die Abläufe im Körper funktionieren.