Reizdarm – Moderne Ernährungskonzepte können helfen

Verstopfung, Durchfall, Blähungen, Bauchkrämpfe und manchmal alles gleichzeitig – ein Reizdarmsyndrom kann viel Lebensqualität kosten. Doch es gibt Behandlungsmöglichkeiten, unter anderem ein neues Ernährungskonzept.

Auch wenn sie im Grunde harmlos sind: Kaum etwas ist so lästig, peinlich und oft auch schmerzhaft wie ständige Verdauungsbeschwerden. Da tröstet es Betroffene wenig, dass sie damit nicht allein sind: Einer deutschen Studie von 2012 zufolge leiden hierzulande etwa 15 Prozent der Bevölkerung unter einem Reizdarm-Syndrom. Die Symptome können dabei unterschiedlich sein: Der eine rennt fünfmal pro Tag mit Durchfall zur Toilette, der nächste plagt sich, um überhaupt mal zu „können“. Oft wechseln sich Durchfall und Verstopfung auch ab, dazu kommen meist ein Blähbauch, Darmwinde und krampfartige Schmerzen. Viele Reizdarmpatienten werden durch diese Beschwerden in ihrer ganzen Lebensführung gehemmt: Sie achten ständig auf die Nähe zur Toilette, meiden soziale Kontakte und können ihre Mahlzeiten aus Furcht vor unangenehmen Folgen nicht mehr richtig genießen.

Um nicht in diese Isolations- und Vermeidungsfalle zu tappen, sollten Betroffene aktiv werden und ärztlichen Rat suchen. Dabei muss man wissen: Reizdarm ist in erster Linie eine Ausschlussdiagnose. Das heißt, der Arzt wird zunächst andere Krankheiten wie Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Zöliakie, Magen-Darm-Infektionen, Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa und Darmkrebs ausschließen. Findet sich keine organische Ursache für chronische, belastende Verdauungsbeschwerden, kann die Diagnose Reizdarm gestellt werden.

Bauch aus dem Gleichgewicht

Über die Ursachen des überempfindlichen Verdauungstrakts besteht noch keine endgültige Klarheit. Untersuchungen haben ergeben, dass bei Betroffenen häufig die Darmbewegungen gestört sind. Dazu scheint ihre Darmschleimhaut durchlässiger und empfindlicher zu sein als bei Gesunden, sodass die Barrierefunktion gegen Reizungen und Erreger geschwächt ist. Und auch das Schmerzempfinden ist bei manchen Reizdarmpatienten stärker ausgeprägt: Bewegungen und Dehnungen, die andere als normale Darmaktivität kaum wahrnehmen, lösen bei ihnen durch ein überaktives Darmnervensystem Schmerzen aus. Als weitere Auslöser werden unter anderem Magen-Darm-Infektionen, eine aus dem Gleichgewicht geratene Darmflora sowie psychische Faktoren wie Stress, Depressionen, Angst und Trauer genannt.

So individuell wie Symptome und Ursachen gestaltet sich auch die Behandlung. Zentral ist ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis, in dem die Beschwerden ernst genommen werden und der Kranke sich gut aufgehoben fühlt. In leichten Fällen hilft oft schon eine Ernährungsberatung und das Meiden von blähenden Speisen wie Kohl, Hülsenfrüchten, Zwiebeln und scharfen Gewürzen. Werden Medikamente erforderlich, richtet sich die Wahl oft nach dem Leitsymptom. So können Mittel gegen Durchfall, gegen Verstopfung sowie gegen Krämpfe eingesetzt werden. Heilpflanzen wie Anis, Pfefferminze, Fenchel und Kümmel haben sich ebenfalls bewährt. Bei seelischen Belastungen können Entspannungstechniken oder eine Psychotherapie sinnvoll sein.

Mit FODMAP-reduzierter Ernährung den Darm beruhigen

Seit einiger Zeit macht außerdem ein Ernährungskonzept von sich reden, das Studien zufolge bei vielen Patienten eine Verbesserung der Reizdarm-Symptomatik bringen kann: die so genannte FODMAP-reduzierte Ernährung. FODMAP kommt aus dem Englischen und steht für „Fermentable Oligo-, Di- and Monosaccharides And Polyols“, was zu Deutsch etwa „vergärbare Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzucker sowie mehrwertige Alkohole“ bedeutet.

„Das Ernährungskonzept ist simpel und genial und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, nämlich dass manche Nahrungsbestandteile eben blähen und Bauchschmerzen verursachen und andere Nahrungsbestandteile eben nicht“, bringt es der Starnberger Gastroenterologe Professor Dr. Martin Storr auf den Punkt.

Zu den FODMAPs zählen unter anderem Laktose (Milchzucker), Fruktose (Fruchtzucker), Zuckeraustauschstoffe wie Sorbit, Xylit und Maltit sowie einige kurzkettige Mehrfachzucker. Diese Stoffe können im Dünndarm nur schlecht aufgenommen werden und gelangen deshalb unverdaut in den Dickdarm, wo sie von Bakterien vergoren (fermentiert) werden. Dabei werden Gase freigesetzt, die den Bauch aufblähen, Schmerzen und Beschwerden verursachen. „Fatalerweise werden FOPMAPs in der Lebensmittelindustrie verstärkt eingesetzt, sodass wir immer größere Mengen von diesen eigentlich harmlosen Stoffen aufnehmen. Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen über Verdauungsprobleme klagen“, so Storr. Eine Reduzierung der problematischen Stoffe könne dagegen Erleichterung bringen. Dazu hat der Experte für Darmerkrankungen das Buch „Der Ernährungsratgeber zur FODMAP-Diät“ (W. Zuckschwerdt Verlag) herausgegeben und beantwortet außerdem in seinem Blog unter www.fodmap-info.de Fragen von interessierten Patienten, die ihre Darmprobleme besser in den Griff bekommen möchten. Wer die FODMAP- Diät ausprobieren möchte, sollte aber auf jedem Fall auch mit seinem Arzt oder Ernährungsberater darüber sprechen.

Dos and Don’ts bei Reizdarmbeschwerden

Don’ts:
• Zwischendurch, im Stehen oder hastig essen – dabei wird die Nahrung oft schlecht gekaut und man schluckt viel Luft, was zu Beschwerden führen kann.
• Riesige Portionen verdrücken – das bereitet schon einem „normalen“ Darm oft Beklemmungen.
• Zuviel vornehmen – Stress kann Reizdarmsymptome verschlimmern.
• Rauchen und viel Alkohol und Kaffee trinken – diese Genussmittel können das Verdauungssystem zusätzlich reizen.

Dos:
• Langsam und bewusst essen und gut kauen – das erleichtert dem Darm die Arbeit.
• Nur essen, was einem gut bekommt, und auf ausgewogene Nährstoffzufuhr achten.
• Regelmäßig zu festen Zeiten essen – lieber mehrere kleine als wenige große Mahlzeiten.
• Reichlich trinken – am besten Wasser ohne Kohlensäure, Tees oder Säfte.
• Für Bewegung sorgen – denn so wird auch die Darmbewegung in Schwung gebracht.