Kräutererlebnisse im Tölzer Land

„Immer schön rühren und stampfen!“ Ja, doch! Ich rühre und stampfe, was das Zeug hält. So ein Kräuter- Auszug im Schnelldurchgang hat es in sich. Aber: Im Handumdrehen wird aus Blüten und einigem mehr eine Ringelblumensalbe, die ich selbst zusammengerührt und -gestampft habe. Hexenwerk ist das nicht. Überhaupt: Kräuterhexen bin ich hier keinen begegnet, aber jeder Menge Kräuterpädagoginnen.

Foto: Sonja Sahmer

Zugegeben, ich hatte so meine Befürchtungen. Kräuterpädagogin, wie das schon klingt! Irgendwie nach Schule, Tests und Noten. Nur nicht nach Urlaub. Kräuterferien, um genau zu sein. Würde ich überhaupt ein Kraut erkennen? Und am Ende eines Weges noch wissen, was ich am Anfang gehört habe? Ganz zu schweigen am nächsten Tag? Oder Gerüche wahrnehmen und Aromen schmecken? Und kann man beim Anrühren und -mischen von Salben, Cremes und Duftsäckchen womöglich viel falsch machen?

Also: Ein weiblicher Miraculix wird sicher nicht aus mir. Aber ich bin nach wie vor erstaunt, was an scheinbar vergessenem Basiswissen wiedergekommen und wie schnell Neues hängen geblieben ist – bei all‘ den Streifzügen durch Klostergärten und Kräuterparks, über Bergalmen und entlang von Wegen im Tal. Nicht zu vergessen die interaktiven Workshops in kleinen Küchen und heimeligen Ladenecken. Aber ich hatte auch echt starke Lehrmeisterinnen: Powerfrauen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und gar nicht schulmeisterhaft, sondern supernett. Mit übersprudelndem Wissen, aber nie überfordernd. Klug anleitend und nur eingreifend, wenn nötig: „Immer schön rühren und stampfen!“

Denn eins habe ich gelernt, wann immer es darum ging, aus Wildkräutern Wohltuendes herzustellen – Gelegenheit für Päuschen und Pläuschchen gibt’s nur auf der Wiese oder am Wegesrand. Beim Suchen und Sammeln hat man alle Zeit der Welt, wenn‘s auch bessere und schlechtere Zeiten dafür gibt. Blüten und Blätter etwa sollte man eher im Frühling/Sommer bis zum späten Vormittag sammeln, Wurzeln möglichst nur im Herbst. Doch wenn’s ans Anrühren und -mischen geht, dann muss zwar nicht immer alles grammgenau, aber in aller Regel pünktlich erledigt sein.

Im Wiesengrund und am Wegesrand

Was jetzt nicht heißen soll, dass die Kräuterferien mit einem straffen Zeit oder um im Schuljargon zu bleiben: Unterrichtsplan daher kamen. Sicher, zur rechten Zeit am rechten Ort wollte ich schon immer sein. Zum Wandern, Workshoppen, Wissenserweitern. Aber es gab viele „zeitlose“ Momente – draußen bestimmt vom Wechselspiel von Sonne und Regen oder drinnen vom Aufkochen und Abkühlen, Umrühren oder Aufschlagen der Zutaten. Nicht zu vergessen meine Lehrmeisterinnen – alle höchst präsent, immer auf den Punkt und doch jede ganz anders. Kein Wunder, dass jedes Gespräch, jeder „Unterricht“ einzigartig wurde. Und damit genauso vielfältig, wie sich bereits ein Quadratmeter landläufiger Wiese präsentiert.

Foto: photohomepage – istock thinkstock

Denn egal, ob auf der Obstwiese im Klostergarten von Benediktbeuern oder an den Wegrändern in Lenggries, wer genau hinschaut – besser gesagt: wer lernt, worauf achten, der findet auf Schritt und Tritt jene Heil- und Nahrungspflanzen, die zu Unrecht als Unkraut verschrien sind. Nur, weil sie sich ganz unkultiviert überall ihren Platz erobern und den Kulturpflanzen Konkurrenz machen. Dabei spricht gerade das für sie: Die meisten von ihnen haben genau so wehrhafte (also hilfreiche) Wirkstoffe in sich, wie sie sich selbst ihrer Haut „erwehren“. Die einen mit Flimmerhärchen (die eisenhaltige Brennnessel zum Beispiel), die anderen mit endlosen Wurzeln (der mineralstoffreiche Giersch etwa).

Kein Wunder, dass das Vorankommen bei einer Kräuterwanderung zur Herausforderung wird. Schon Gänseblümchen, Klee, Löwenzahn oder Spitzwegerich sind allgegenwärtig, wollen unter fachkundiger Anleitung betrachtet und berührt, gezupft und gekostet werden. Augen zu und durch. Noch nie habe ich so vieles in den Mund genommen – und noch nie wurde ich so oft überrascht. Was auch mancher „Mitgänger“ bestätigt: Schmeckt das nicht wie … junger Mais (Mieren-Blätter)? Schwammerl (Spitzwegerich-Ähren)? Nussig (Brennessel-Samen)? Nach Marzipan (Mädesüß-Blüten)? Und dann sind sie plötzlich da, die Kindheitserinnerungen und Oma-Rezepte, jeder weiß etwas. Und die Kräuterpädagoginnen? Ergänzen hier Wirkweisen, da Verwendungstipps, dort Küchenideen … Dufte, schmackhaft und wohltuend.

Von Topfguckern und Dauerrührern

Denn bei der reinen Kräuterkunde bleibt es nicht. Was man schon spürt, wenn man die (Kräuter-)Kraft des Benediktbeurer Meditationsgartens auf sich wirken lässt. In seinen Wegspiralen und Spruchtafeln fällt man entspannt „aus der Zeit“. Das passiert auch, wenn man kundig geführt durch den etwas anderen Kurpark im nahen Bad Heilbrunn spaziert. Unter dem Titel „Antike, Bibelund Marienpflanzen“ kann man dort zum Beispiel einen Streifzug durch die jahrhundertealte Heilkräutergeschichte unternehmen. Einmal rund um die Welt, versteht sich. Gestaltet als Kräuter-Erlebnis-Park findet man dort übrigens fast alles wieder, was bereits im Mittelalter im legendären Benediktbeurer Receptar wohltuend notiert wurde. Spezielle Themenbeete führen einen dabei hier zu heilsammedizinischen, dort zu kosmetischpflegenden, dann wieder zu gesundwürzenden Kräutern. Auch ein Weg, Theorie und Praxis zu verbinden.

Anderen gelingt dies mit Workshops. Sie erinnern sich: „Immer schön rühren und stampfen!“ Ja, doch! Ich rühre und stampfe, was das Zeug hält. Aber ich muss doch auch notieren, was ich grad wie mische, damit ich es daheim nachmachen kann. Wie soll ich mir sonst alles merken? In der Schule haben wir doch auch mitgeschrieben, wenn der Lehrer referiert hat. Zumal mancher „Versuchsaufbau“ ein bisschen was von Chemieunterricht hat. Also doch Hexenwerk? Nein! Später wandern wohltuende, selbstgemachte Mitbringsel in meinen Koffer: Kräftig gerührte Zitronenmelissensalbe etwa, basierend auf dem auch zu Hause leicht selbst herzustellenden Auszugsöl. Die Salbe hilft jetzt im Sommer prima bei Insektenstichen. Oder angesetzter Duftrosenessig, der, inzwischen ganz rosig verfärbt, meinen Salaten einen besonderen Kick gibt. Nicht zu vergessen, was ich so hingebungsvoll gestampft und gerührt habe – Ringelblumensalbe, die bei kleinen Schrammen & Co. entzündungshemmend das Abheilen unterstützt. Und ich ertappe mich seit meinen Kräuterferien im Tölzer Land dabei, dass ich Speisekarten genauer studiere. Ich schmecke noch immer eine wunderbare Salbeicreme auf der Zunge – auf Basis einer Bayrisch Creme. Der erste Eindruck war ganz vertraut süß, dann kam ein überraschend kräuteriger Abgang. Mmh! Quark pur? Nein, danke. Gänseblümchen und vor allem Rotkleeblüten sollten schon drin sein! Dazu Kräutermuffins, was will ich mehr? Nichts. Höchstens noch einen Kräuterkäse oder -schnaps von der Stie-Alm auf dem Brauneck. Da habe ich übrigens gelernt, dass auf 1.555 Höhenmetern die Kräuter zwar etwas kleiner wachsen und später blühen, aber auch hier ein (Wild-)Kräutergarten kein Hexenwerk ist.

Tipp:

Die www.kraeuter-erlebnis-region.de im www.toelzer-land.de, das am Starnberger See beginnt und bis zur Tiroler Grenze reicht, vereinigt allerlei: Kräuterunterkünfte und -höfe ebenso wie Kräuterköche (etwa die www.tafernwirte.de), -wanderungen und -workshops.

Die Benediktiner-Abtei www.kloster-benediktbeuern.de lohnt nicht nur ihres Meditationsgartens sowie des im Maierhof untergebrachten Kräutererlebnisladens wegen: Zwar kann man die Abteikirche oder den gotischen Kreuzgang auch allein erkunden, doch den frühbarocken Festsaal oder den Kurfürstentrakt sieht man nur im Rahmen einer Führung.

Das Freilichtmuseum www.glentleiten.de vermittelt mit seinen rund 60 Häusern und Gehöften ein lebendiges Bild von der bäuerlich geprägten Vergangenheit Oberbayerns: Zudem wird alte Handwerkskunst gezeigt – und bei Workshops Köstliches wie Wohltuendes aus Wild- und Gartenkräutern der Museumswiesen und -gärten hergestellt.

Autor: Texterlei/S. Sahmer