Aachen, das Bad der Könige

Schon die Kelten und Römer schätzten seine heilsamen Quellen – wie auch Karl der Große. Und später viele andere Kaiser, Könige und Herrscher mehr. Auf das Prädikat „Bad“ verzichtet die Stadt jedoch, des Alphabets wegen. Dabei „bad“et man hier wirklich königlich.

Denn vorbei die Zeiten, als man dafür blaublütig oder gut betucht sein musste. Überhaupt, vieles hat sich verändert seit Karls Zeiten. Krankenscheine kannte man noch nicht, Reha-Kliniken auch nicht. Und das heutige Kurviertel Burtscheid, das die Römer einst als Burcetana gegründet hatten, war erstens noch ein eigenständiger Ort und zweitens nicht des Kaisers erste Wahl.

Foto: Carolus-Thermen Bad Achen

Der baute seine Pfalz im nahen Aquae Grani, dem späteren Aquis, dann Ach, heute Aachen. Mit einer Pfalzkapelle, die die erste aus Stein gebaute Kirche nördlich der Alpen wurde. 1.200 Jahre nach seinem Tod steht ihr Oktogon so imposant wie einst da. Nur die orientalisch anmutende Ausgestaltung mit Marmor und Mosaiken, die verpassten eifrige Renovierer dem Dom erst im späten 19. Jahrhundert. Und auch die gotische Chorhalle, Aachens „Glashaus“, wo Karls Marien-Reliquien ihre Bleibe fanden und seine Gebeine nun in einem goldenen Schrein ruhen, ist „neu“. Ja, verändert hat sich vieles. Nur die heilsamen Quellen, die sprudeln wie einst. Einige jedenfalls.

Tierisch heiß, teuflisch stinkend

An zwei Stellen treten sie zu Tage, entstanden aus Niederschlagswasser, das auf seinem Weg durch tiefe Gesteinsschichten zu inhaltsstoffreichem Mineralwasser wurde.

Die in Burtscheid sprudeln tierisch heiß aus der Erde, fast 74 Grad warm. Schon die Römer kühlten sie mit Bachwasser ab, um darin baden zu können. Und kurierten mit ihnen, wie die Patienten der heutigen Kurkliniken, Rheuma und Gicht, degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparats und Dermatosen. Was hilft? Der ungewöhnlich hohe Anteil gelöster Inhaltsstoffe, der bis zu 4,5 Gramm pro Liter beträgt. Dazu die hohe Austrittstemperatur – fertig ist das heilsame Thermalmineralwasser.

Kein Wunder, dass man ihm beim Bummel durch das Kurviertel, das viel beschaulicher ist als die trubelige Aachener Altstadt, dampfend begegnet. Weniger am Seepferdchenbrunnen, wohl aber am aus rotem Backstein erbauten Marktbrunnen. Dort plätschert es 63 Grad warm in den mitgebrachten Becher. Heiß ja, aber trinkbar. Und es müffelt nicht; die hohen Temperaturen verhindern, dass sich Schwefelwasserstoff bildet.

Dessen teuflisch stinkende Duftschwaden umwehen einen nämlich mal mehr, mal weniger in der Aachener Altstadt. Am berühmten Elisenbrunnen etwa. Riechbares Zeichen, warum die EU-Bürokratie hier wie dort „Kein Trinkwasser“ anschreiben ließ: Heilwasser ist halt Medizin. Und doch bleiben an den goldenen Löwenköpfen viele stehen, um schnell ein Trunk mit der Hand zu nehmen. Denn es ist kühler – und schmeckt besser als es riecht! Früher ließ man sich dafür mehr Zeit, da wurde es im Untergeschoss sogar für Trinkkuren ausgeschenkt. Marmortafeln listen auf, welche gekrönten Häupter ihr Wohl und Weh Aachens Quellen anvertrauten. Viele trinkend, die meisten aber badend.

Badekultur gestern und heute

Das hat schließlich bereits der große Karl getan. Sein königliches Bad existiert leider nicht mehr, auch vom späteren Kaiserbad ist nur der Name geblieben. Nur die Kaiserquelle sprudelt noch, ihr Wasser trinkt man am Elisenbrunnen.

Doch wenn auch viele Bäder verschwunden sind, man taucht in Aachen ab wie zu Karls Zeiten. In den Carolus Thermen. Die stehen aber nicht im einstigen Badeviertel der Altstadt, sondern wurden am Stadtpark neu errichtet – und interpretieren nicht zuletzt architektonisch, mit römisch anmutenden Säulen etwa oder der Rotunde mit den Wasserkaskaden, die alte Badetradition neu.

So durften gemeinsam mit dem rheumageplagten Schwimmer Karl einst bis zu 100 Personen seines Hofstaats planschen (und teils Politik machen). In den Carolus Thermen entspannen heute im Schnitt täglich 1.000 Badegäste (statt zu politisieren). Und der Aachener Badearzt Franciscus Blondel berichtete später von schwefelstinkendem Badewasser, in dem auch Wolle gespült wurde (Aachens Tuchmacher-Vergangenheit lässt grüßen). Doch in den zehn Thermen-Becken plätschert heute frisch aufbereitetes Wasser der Rosenquelle, das einer Ozonbehandlung sei Dank fast geruchsneutral, aber noch inhaltsreich ist – und exklusiv dem Baden dient. Besagter Badearzt erfand hier übrigens die Thermalwasserdusche, wo „man das warme Wasser auf die schwachen Glieder fließen lässet“. Das macht der heutige Badegast auch – unter modernen Schwallduschen spürt er des Wassers heilsame Kraft. Ja, es hat sich vieles verändert – und doch wieder nicht. Den heilsamen Quellen sei Dank. Obwohl die Aachener ihr „Bad“ weglassen. Aber bei Karl ging‘s ja auch ohne Titel…

Tipp

Angeklickt und ausprobiert

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Gesundheitsschokolade

Schokolade und Kakao galten einst als Heilmittel. In der Tat: In Maßen genossen stärken ihre antioxidativen Wirkstoffe Herz, Kreislauf und Immunsystem. In der Adler-Apotheke, die im Aachener www.couven-museum.de rekonstruiert wurde, bekam man denn auch Schokopastillen sowie Salben und Zäpfchen aus Kakaobutter. Bis 1857 ein italienischer Chocolatier im Auftrag des Apothekers hier die erste Tafelschokolade Deutschlands herstellte, die als „Gesundheitsschokolade“ zum Verkaufsschlager wurde – der Beginn der „Trumpf“-Geschichte.

Autor: Texterlei/S. Sahmer