Kloster auf Zeit

Das eigene Ich wird dann wieder erfahrbar, wenn das ständige Hintergrundrauschen erlischt und Stille einkehrt. Dazu mag es nötig sein, sich einmal vom Alltag zu verabschieden und an einem ruhigen Ort den Rückzug zu suchen. Eine Möglichkeit wäre, einige Tage oder Wochen in einem Kloster zu verbringen – 268 katholische Klöster in Deutschland bieten ein Klosterleben auf Zeit an. Das christliche Bekenntnis ist keineswegs eine notwendige Voraussetzung, um innerhalb der Klostermauern innere Einkehr zu finden. Wie eine Umfrage der Deutschen Ordensobernkonferenz ergab, ist es über einem Drittel der Gäste vielmehr am wichtigsten, in der besonderen Atmosphäre des Klosters Ruhe und Erholung zu genießen. Dies kann auf ganz verschiedene Weisen geschehen. Größere Ordenshäuser wie das Kloster Arenberg bei Koblenz oder das Kloster Hegne bei Allensbach am Bodensee haben eigene Gästehäuser, wobei die Gäste ganz unverbindlich eingeladen werden, am Gebet, an Gesprächskreisen oder an Schweige-Exerzitien teilzunehmen. Das Kloster Arenberg verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Neben meditativen „Tagen der Stille“ bietet es auch Aquafitness, Aromaöl-Massagen oder Shiatsu-Behandlungen. „Ich glaube, viele Menschen kommen sich heute vor wie ein Hamster im Rad“, sagt Schwester Ursula Hertewich über die Motivation derjenigen, die eine Auszeit im Kloster Arenberg suchen. „Dieses ständig laufen müssen und keine Räume zu haben, wo sie einmal nichts zu tun brauchen. Ruhe finden müssen viele erst wieder lernen.“

Während aber im Kloster Arenberg ein Mitleben im Ordenskonvent nur für Klosteranwärterinnen möglich ist, ist man etwa im kleinen Kapuziner-Kloster Stühlingen an der Schweizer Grenze viel näher dran am Alltagsleben der vier Brüder und drei Schwestern. Im Angedenken an das Testament Franz von Assisis, der auch geistiger Ahnherr des Kapuzinerordens war, sollen alle Brüder und Schwestern eine ehrbare Handarbeit verrichten. „Auch für uns besteht die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu erwirtschaften und die Dinge des alltäglichen Lebens zu besorgen. Daher versuchen wir, alle anfallenden Arbeiten in Haus und Garten gemeinsam mit unseren Gästen selbst zu leisten“, heißt es im Kloster Stühlingen. Die Gäste sind, so lange sie dort wohnen, nicht bloß Zuschauer, sondern sie nehmen teil an Gebet, Arbeit und den Mahlzeiten. Stühlingen versteht sich weder als „Ferienkloster“ noch als Therapiestätte, stattdessen hat man die seltene Gelegenheit, authentisches Klosterleben kennenzulernen, sowohl beim Jäten im Klostergarten als auch beim Laudes-Gebet am frühen Morgen.

Weitere Informationen: www.kloster-auf-zeit.de, www.orden.de/ordensleben/atem-holen