Die Heilkraft des Waldes

Bemooste Baumriesen, grünliches Licht und würziger Duft – der Wald hat eine ganz besondere Faszination und wird von vielen Menschen regelmäßig als Erholungs- und Rückzugsort genutzt. Doch er kann noch mehr: Für Körper und Seele ist ein Waldbesuch wahre Medizin.

Wenn deine Seele krank ist, dann verbirg dich wie ein verwundetes Tier in den Wäldern: sie werden dich heilen. Die dunklen Bäume sind stumme Freunde. Sie nehmen dich schweigend auf und sind dir gut.“ Wie der Schriftsteller Siegfried von Vegesack (1888 – 1974) es so wunderschön ausdrückte, empfinden auch heute noch viele Menschen den Wald als einen Zufluchts- und Ruheort, der Entspannung und neue Kräfte schenkt. Immerhin die Hälfte der Deutschen sucht mindestens alle 14 Tage Erholung zwischen Bäumen, Moos und Unterholz. Raum dafür gibt es zum Glück genug, denn knapp ein Drittel der Bundesrepublik ist bewaldet, und insgesamt laden mehr als 574.000 Kilometer Waldwege zum Wandern, Schlendern und Verweilen ein. Dass dabei nicht nur die Seele, sondern auch der Körper profitiert, ist ebenfalls seit langem bekannt – so gehören Spaziergänge in Wald und Natur etwa zum Programm vieler Kuren dazu.

Die Intuition hat recht

Die heilsame Kraft des Waldes auf Seele und Körper ist dabei keine Einbildung. Wie so oft hat die Intuition auch hier recht. Mittlerweile haben zahlreiche Studien nachgewiesen, dass die Waldatmosphäre uns auf vielerlei Weise positiv beeinflusst. Schon 1984 fand der Wissenschaftler Roger Ulrich heraus, dass Patienten nach einer Operation schneller gesund wurden, seltener Komplikationen erlitten und weniger Schmerzmittel brauchten, wenn sie aus ihrem Zimmer auf eine Baumgruppe blicken durften. Die Vergleichsgruppe, die nur auf eine Mauer schauen konnte, erholte sich dagegen langsamer. 2008 entdeckten japanische Forscher, dass in den Waldgebieten des Landes deutlich weniger Menschen an Krebs sterben als in den unbewaldeten Regionen, und bei einer Untersuchung im kanadischen Toronto wurde festgestellt, dass schon zehn zusätzliche Bäume rund um einen Wohnblock dessen Bewohner gesundheitlich um sieben Jahre „verjüngen“.

Terpene und Evolution

Doch wie kommen diese erstaunlichen Heilwirkungen von Bäumen und Wald ganz konkret zustande? Der österreichische Biologe und Buchautor Clemens G. Arvay hat sich mit diesem Phänomen eingehend beschäftigt, viele wissenschaftliche Studien zusammengetragen und mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht. Er kennt verschiedene Faktoren, die das Naturerlebnis so gesund machen: „Zum Beispiel führen sekundäre Pflanzenstoffe aus der Waldluft, so genannte Terpene, zu einer nachgewiesenen Aktivierung unseres Immunsystems“ erklärt er. „Diese Substanzen lassen unsere natürlichen Killerzellen, die Viren aus unserem Körper eliminieren, mehr und auch aktiver werden. Auch die drei wichtigsten Anti-Krebs- Proteine, mit denen unser Organismus potenzielle Krebszellen sowie Tumorzellen vergiften kann, werden durch das Einatmen von Terpenen signifikant mehr.“
Ursprünglich dienen diese Terpene der Kommunikation unter den Pflanzen des Waldes. Mit ihnen teilen sie sich über den Luftweg etwa mit, wenn Schädlinge angreifen und welcher Art diese sind. Auch können sie damit nützliche Insekten anlocken, sich vor der Sonne schützen oder Fressfeinde durch schlechten Geschmack vertreiben. Dass die Terpene auch Wirkungen auf den Menschen haben, lässt sich aus der Evolution erklären. Denn Pflanzen und Menschen haben sich über Hunderttausende von Jahren im ständigen Wechselspiel nebeneinander entwickelt und aufeinander eingestellt.

Auch die beruhigenden und ausgleichenden Effekte des Waldes auf die Seele lassen sich biologisch erklären. „Die Reize der Natur aktivieren den Parasympathikus, den Nerv der Ruhe. Und der schaltet unseren Organismus wieder in den Entspannungsmodus und leitet Regeneration, Erneuerung und Heilungsprozesse bis auf die Ebene der Organe und der Zellen ein“ so Arvay. Messungen in verschiedenen Studien hätten ergeben, dass ein Aufenthalt im Wald – und sogar schon der Anblick eines solchen – den Spiegel des Stresshormons Cortisol im Körper sinken lässt. Gleiches gilt für das zweite wichtige Stresshormon, das Adrenalin, dessen Spiegel ebenfalls durch Aufenthalte im Wald drastisch abfällt. Dazu sinkt der Blutdruck und der Pulsschlag verlangsamt sich. Bei einem Stadtbummel sind dagegen solche positiven Auswirkungen nicht festzustellen. Im Gegenteil: Schon am zweiten Tag in der Stadt steigt der Adrenalinspiegel über das Ausgangsniveau.

Lichte Wälder wirken am stärksten

Ganz offensichtlich fühlen wir uns zwischen Bäumen und Sträuchern wohler und entspannter als zwischen Hausmauern und Straßen. Das lässt sich wiederum durch unsere Entwicklungsgeschichte erklären: Denn wir stammen aus der Natur, und die ursprünglichen Teile unseres Gehirns signalisieren uns: Hier bist Du richtig! Die Bäume spendeten unseren Vorfahren Schutz und Schatten, Pilze, Kräuter und Beeren versprachen Nahrung, Bäche und Seen Fische und Trinkwasser, der Gesang der Vögel zeigte die Abwesenheit von Gefahren. Besonders entstressend wirken interessanterweise nicht dichtes Unterholz oder Fichten-Monokulturen, sondern eher Waldränder, Lichtungen, Seeufer und lockere Baumbestände auf Wiesen. „Das liegt daran, dass unsere Vorfahren große Teile der menschlichen Stammesentwicklung in Savannen verbracht haben – das sind Grünflächen mit vereinzelt stehenden Bäumen. Unser Unbewusstes spricht noch heute sehr darauf an, da es von diesen Landschaftsformen evolutionär geprägt ist. Generell kann aber jedes intakte Ökosystem gesundheitliche Wirkungen auf Körper und Psyche ausüben“, weiß der Biologe.

Es spricht also vieles dafür, sich möglichst oft in die Natur zu begeben und dort längere Zeit aufzuhalten. Der nächste Wald ist in Deutschland eigentlich nirgendwo allzu weit weg, und auch naturnahe Parks und Grünanlagen sind wohltuend für die Gesundheit. Um langfristig die Gesundheit zu stärken, sollten die Ausflüge ins Grüne eine gewisse Regelmäßigkeit haben, so Arvay: „Japanische Wissenschaftler haben in Versuchen über Jahre hinweg festgestellt, dass wir mindestens zwei volle Tage pro Monat in einem Waldgebiet verbringen sollten, also mindestens einen vollen Tag alle zwei Wochen. Dann lässt sich die stärkende Wirkung auf das Immunsystem dauerhaft nachweisen und lässt nie ganz nach. Generell gilt aber: je öfter wir in den Wald gehen, desto besser. Es gibt keine ,Überdosis Wald‘.“

Buchtipp
Clemens G.Arvay: „Der Heilungscode der Natur – die verborgenen Kräfte von Pflanzen und Tieren entdecken (Riemann Verlag, München, 2016)