Die Entdeckung der Stille

Heutzutage gleicht die Welt einem Megaphon. Bunte Bilder und grelle Klänge schreien uns an. Hektisch und laut wird von uns ständig etwas gefordert. Da wächst das Bedürfnis, sich einmal auszuklinken und den Sinnen Ruhe zu gönnen. Jetzt im Herbst ist die beste Zeit für eine geistige „Fastenkur“.

Wir hatten auf schönes Herbstwetter gehofft, aber es kam anders. Die Wanderung auf den Schauinsland, Freiburgs Hausberg, begann in feinem Nieselregen. Je höher wir stiegen, desto mehr wurde der leise Regen durch dichter werdenden Nebel abgelöst. Glitzernde Wassertröpfchen hingen in Haaren und Augenbrauen. Bald sah man die Schwarzwaldtannen nur noch als schemenhafte Schatten. Hatte das garstige Wetter anfangs noch die Laune getrübt, änderte sich das aber durch eine merkwürdige Entdeckung. Der Nebel verschluckte jeden Laut, der Wald wurde still. Wir hörten nur noch den Tritt unserer Wanderstiefel auf dem nassen Laub, hin und wieder einmal ein Knacken von Holz. Selbst das leise Fallen der Wassertropfen von den Zweigen wurde mit einem Mal hörbar. Unsere Gespräche waren bald verstummt, machten Platz einem stillen Lauschen und einem meditativen Gang nach innen. Als sich nach drei Stunden unser Ziel, ein Berggasthof, aus dem Nebel herausschälte, war es fast eine Enttäuschung, wieder in die altgewohnte Welt zurückzukehren. Die Erfahrung der Stille hatte diesen Tag im Nebelwald zu etwas Außergewöhnlichem gemacht. So wie der Philosoph Friedrich Nietzsche in seinem „Zarathustra“ schrieb: „Die größten Ereignisse – das sind nicht unsere lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“