Das Leben im Schlaraffenland … und die Folgen

Für unsere Generation ist wahr geworden, wovon unsere Vorfahren nur träumen konnten. Der Hunger ist verbannt. Wir können essen, was wir wollen. Traumhaft? In Deutschland ist mehr als die Hälfte der Menschen übergewichtig, etwa ein Sechstel sogar fettleibig. Damit verbunden sind Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Arteriosklerose. Der Weg vom Wunschtraum zum Albtraum ist eben manchmal mit Cremetorten gepflastert.

Die Märchen und Utopien vom Schlaraffenland sind uralt. Schon im Alten Testament der Bibel wird das Paradies als ein Land beschrieben, in dem Milch und Honig fließen. An diesem Traum wurde im Mittelalter fleißig weitergesponnen – gebratene Tauben fliegen den faul Herumliegenden direkt in den Mund, die Häuser bestehen aus Kuchen, statt Steinen liegen Käselaibe herum. Für den an harte Feldarbeit, karge Kost und Hungersnöte gewohnten Menschen früherer Zeiten muss das Schlaraffenland eine vollkommen irreale Vorstellung gewesen sein. Könnten  wir einen Menschen des Mittelalters mit einer Zeitmaschine in die Gegenwart beamen und ihn dann zum Einkaufen in einen unserer Mega-Märkte schicken – er wäre wie vom Schlag gerührt. Alles ist da, was sich die menschliche Fantasie an Leckereien nur ersinnen kann, in einst unvorstellbarer Menge und Mannigfaltigkeit. Man muss bloß zugreifen, denn nie waren die Lebensmittelpreise so günstig wie heute.

Kein Glück im Schlaraffenland

Im wahr gewordenen Schlaraffenland müssten wir doch alle glücklich sein. Doch das sind wir nicht. Sobald die Silvesterknaller verklungen sind, raffen sich Millionen von Menschen aufs Neue auf, die angefutterten Speckröllchen durch ausgeklügelte Diäten wieder loszuwerden. Der gute Vorsatz zeitigt anfangs oft schöne Erfolge. Nähert sich aber wieder das Jahresende, ist der Blick auf die Waage für die meisten frustrierend. Wieder einmal alles für die Katz!

Was macht es uns denn so schwer, mit dem Körpergewicht Maß zu halten? Und warum haben wir überhaupt ein Problem mit den üppigeren Formen? Zwei Fragen, die sich die etwas schwereren Zeitgenossen unter uns – immerhin mehr als die Hälfte aller Deutschen – wohl schon dutzendfach gestellt haben. Wie nicht anders zu erwarten: Die Antworten sind schwierig und komplex. Sie berühren die Tiefenschichten unserer Persönlichkeit, haben eine Menge mit unserer Abstammung und unseren Genen zu tun, mit unseren Trieben und Bedürfnissen, aber auch mit dem Stoffwechsel unseres Körpers, der sich ungern austricksen lässt. Das Idealgewicht zu erreichen und es dauerhaft zu halten, ist für viele Übergewichtige in der Tat nicht einfach. Vorurteile gegenüber den vermeintlich „disziplinlosen“ Dicken sind also fehl am Platz.

Wie die Prägung uns ein Bein stellt

Wie jeder weiß, ist das Gewicht ein Resultat der individuellen Energiebilanz: Wenn mehr reinkommt als verbraucht wird, nimmt man zu. Also ergeben sich zwei Möglichkeiten, das Gewicht zu senken. Durch Bewegung mehr Energie verbrauchen und durch weniger essen weniger Energie zuführen. Jeder Abnehmwillige sagt aber zu Recht: Wenn’s denn so einfach wäre! Ins Spiel kommen teils biologisch, teils kulturell bedingte Essensvorlieben sowie die Bedingungen des modernen Lebens. Durch unsere Gene vorgegeben sind Geschmacksvorlieben für „süß“, „salzig“ und „umami“ (würzig-fleischig), denn diese signalisieren ungiftige und essbare Kost. Weniger beliebt, weil womöglich in der freien Natur ungenießbar, sind Nahrungsmittel mit den Komponenten „sauer“ oder „bitter“. Hinzu kommen geprägte Vorlieben durch das Elternhaus und die jeweilige Landesküche. Schon Geschmackserfahrungen im Mutterleib prägen offenbar spätere Vorlieben, die geschmackliche Prägung geht dann am Familientisch weiter. Bis zum Alter von vier bis fünf Jahren hat sich nicht nur die Lieblingskost eingeprägt, das Elternhaus lebt auch vor, welche Portionen „angemessen“ sind. Wenn schon zu Hause gerne üppig, süß und sahnig gegessen wurde, kann man sich auch im späteren Erwachsenenleben nur schwer von diesen Mustern lösen.

Was das Maßhalten zusätzlich erschwert, sind die heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Während sich frühere Generationen das Brot im Schweiße ihres Angesichts verdienen mussten – und dabei enorm viele Kalorien verbrauchten –, spielt sich für die meisten Berufstätigen heute das Arbeitsleben am Schreibtisch ab. Wer stundenlang reglos vor dem Bildschirm sitzt, hat einen geringeren Nahrungsbedarf – nur weiß das unser Körper nicht. Gleichförmigkeit, Kommunikationsarmut und Stress vieler Bürotätigkeiten sorgen zudem oft für Frust, der nur allzu gern mit Schokolade oder sonstigem Naschwerk kompensiert wird. Der Rat, sich zum Ausgleich möglichst jeden Tag außerhalb der Arbeit sportlich zu bewegen, ist für viele schwer umzusetzen, bedenkt man weite Arbeitswege und sonstige zeitliche Verpflichtungen.

Der dornige Weg zum gesunden Gewicht

Hin und wieder ein bisschen Diät machen bringt wenig: Wer auf Dauer Gewicht einsparen will, muss sein Leben grundsätzlich umkrempeln. Er muss seine ins Unterbewusstsein fest eingebrannten Ernährungsvorlieben über Bord werfen und durch eine andere Art der Ernährung ersetzen. Und zwar nicht nur vorübergehend, bis die Diät „zu Ende“ ist, sondern dauerhaft. Außerdem muss mehr Bewegung in den Alltag gebracht werden, so schwierig das auch zeitlich zu bewerkstelligen sein mag. Das ist unbequem und macht oft wenig Spaß. Eingelernte Muster haben außerdem die Tendenz, die Willenskraft zu schwächen und das bewusste Denken zu unterlaufen. Viele fallen daher wieder schleichend in die alten Gewohnheiten zurück, nachdem sie mit großer Mühe einige Kilo leichter geworden sind. Der auf „Hungerzeiten“ eingestellte Stoffwechsel tut aber nun genau das, was er soll: Er füllt die leer gewordenen Fettzellen sehr schnell wieder auf. Dank des Jojo-Effekts ist man schließlich oft schwerer als vor der Diät.

Ist also alles umsonst? Muss man sich mit dem Übergewicht abfinden? Nein, keineswegs. Man muss sich aber klar machen, dass es keinen geraden, einfachen Weg zum Ziel gibt, sondern oft mehrere Anläufe nötig sind und es bisweilen auch der Hilfe und Unterstützung von Experten bedarf, um Verhaltensänderungen auf Dauer wirksam werden zu lassen. Schließlich funktioniert ein gesünderes Ess- und Bewegungsverhalten nur, wenn es fest in der Psyche verankert ist und die alten, ungesünderen Muster quasi „überschrieben“ wurden. Das kann lange dauern, zumal appetitsteigernde Botenstoffe und Hormone auch nach der Abnehmphase aktiv sind und dem Erfolg im Weg stehen.

Der dornige Weg zum gesunden Gewicht wird aber am Ende belohnt. Man fühlt sich wieder wohler in der eigenen Haut und wird auch vom anderen Geschlecht wieder mit mehr Interesse wahrgenommen. Zum anderen ist ein angemessenes Gewicht ein knallharter Gesundheitsfaktor. Das Übergewicht setzt über die Veränderung der Blutfettwerte fatale Mechanismen in Gang. Es erhöht sich das Risiko von Arteriosklerose, also von Fettanlagerung in den Arterien, was wiederum zu Herz-Kreislauf-Krankheiten, vor allem Herzinfarkt und Schlaganfall, führen kann. Bei übergewichtigen Menschen sprechen die Körperzellen häufig nicht mehr ausreichend auf das Hormon Insulin an, was letztlich zur Entstehung von Diabetes beiträgt. Auch die Neigung zu Bluthochdruck wird durch das erhöhte Gewicht verstärkt. Entsprechend wirkt sich der Körperspeck auf die Lebenserwartung aus: Man kann davon ausgehen, dass sich bei heute 40-Jährigen mit deutlichem Übergewicht die Lebensdauer um drei bis sechs Jahre verkürzt. Eine schwere Fettleibigkeit kann die Spanne sogar um 20 Jahre reduzieren.

Das Schlaraffenland ist keine Utopie. Vielmehr ist unsere Überflussgesellschaft mit ihren zahllosen schön verpackten Verführungen, ihren Werbebotschaften, ihren bequemen Fertiggerichten, Aromastoffen und Geschmacksverstärkern ein wahr gewordener Albtraum. Wer mit sich und seinem Körper im Einklang sein will, sollte besser den Leitspruch des französischen Philosophen Rousseau beherzigen: Zurück zur Natur!

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